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SVAMV / FSFM - April 2006

Faktenblatt

Die Einelternfamilie ist wirtschaftlich nicht leistungsfähiger als die Zweielternfamilie mit gleicher Kinderzahl und gleichem Einkommen.

Das Vorhandensein eines zweiten Elternteils in der Familie kann nicht einfach als Kostenfaktor behandelt werden. Bei der Einelternfamilie führt sein Fehlen auf der Ausgabenseite kaum zu Einsparungen; die Lebenshaltungskosten sind dadurch kaum niedriger. Auf der Einkommensseite dagegen fehlt sein in unbezahlter Arbeit geleisteter Beitrag.

  • Mit Bezug auf Aequivalenzziffern[1] ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit von Ein- und Zweielternfamilien durchaus vergleichbar[2]
  • Beispielsweise beträgt nach Skala 1 des Bundesamtes für Statistik BFS die Aequivalenzziffer für eine Einelternfamilien mit 1 Kind 1.44, für eine Zweielternfamilie mit 1 Kind 1.66 (Referenz: Einpersonenhaushalt 1.00)[3].
  • Je mehr Mitglieder zu einem Haushalt hinzukommen, umso geringer werden die Zusatzkosten, weil die Ausgaben für gemeinsam genutzte Güter (vor allem die Wohnung) nur unterproportional ansteigen. Bei Einelternfamilien ist dieser Skaleneffekt geringer als bei Zweielternfamilien: Das erste Kind ist die zweite Person im Haushalt, während es bei Paarhaushalten bereits die dritte Person ist. Dementsprechend braucht eine alleinerziehende Person ein um 44 % höheres Einkommen, um mit einem Kind den Lebensstandard halten zu können, ein Paar dagegen bloss 18% mehr Einkommen[4]. Der geringere Skaleneffekt bei den Alleinerziehenden hat höhere direkte Kinderkosten zur Folge[5]. Bauer und Streuli (2000) gehen davon aus, dass bei Alleinerziehenden die minimalen Kinderkosten 50 % höher sind.[6] Mit Verweis darauf schreiben sie: „ Bei gleichem Aufwand für Betreuung und Einkommenssicherung sind Alleinerziehende im Vergleich zu Paaren einer ungleich höheren Belastung ausgesetzt.“ (S. 18). Die Autoren weisen darauf hin, dass daraus Diskriminierungsprobleme resultieren können und der stärkeren Belastung der Einelternfamilien beim Familienlastenausgleich Rechnung getragen werden muss.
  • Der Wohnraumbedarf als Hauptkostenpunkt wird viel stärker durch die Kinder bestimmt als dadurch, ob ein oder zwei Eltern in der Familie leben.
  • Elternpaare profitieren von mannigfaltigen „ Synergieeffekten“ , welche Alleinerziehende nicht haben (Wohnnebenkosten, Versicherungen, Gebühren, gemeinsame Anschaffungen). Dieser sogenannte Haushaltvorteil ist unbestritten[7].
  • Es bedeutet keinen finanziellen Vorteil, wenn Vater oder Mutter fehlen. Allenfalls sind bei grossen Ausgaben wie Ferien oder Reisen, die per Kopf der Familie anfallen, Einsparungen zu erzielen. Aber gerade diese Ausgaben sind für einen grossen Teil der Einelternfamilien gar nicht erschwinglich.
  • Während sich bei der Einelternfamilie das Fehlen einer erwachsenen Person kaum auf die Lebenshaltungskosten auswirkt, fehlt ein Elternteil, der für den Unterhalt des Kindes mitsorgt. In der Zweielternfamilie teilen die Eltern Pflege, Erziehung und finanziellen Unterhalt der Kinder unter sich auf und kommen gemeinsam für die Kinderkosten auf. Elternpaare erwirtschaften damit ein „Schatteneinkommen“, das eine finanzielle Entlastung darstellt, auch wenn es nicht beziffert wird. Alleinerziehende dagegen kommen in der Regel zur Hauptsache oder ganz für die direkten und die indirekten Kinderkosten und für die Kosten der familienexternen Kinderbetreuung alleine auf.[8] Der getrennt lebende Elternteil trägt nur so viel zum Unterhalt seiner Kinder bei, wie es seine finanzielle Situation erlaubt. Das Bundesgericht schützt sein Existenzminimum.
  • Alleinerziehende sind steuerlich sehr stark belastet, weil sie die Kinderalimente - dh die Kinderkosten des getrennt lebenden Elternteils - als eigenes Einkommen versteuern müssen. (Der alimentenzahlende Elternteil dagegen kann seine Unterhaltsbeiträge steuerlich ganz in Abzug bringen.) Die berufsbedingten Kinderbetreuungskosten sind nicht ausreichend abziehbar. Dies fällt bei Alleinerziehenden besonders ins Gewicht, weil sie zwingend auf familienexterne Kinderbetreuung angewiesen sind, um den Lebensunterhalt ihrer Familien sichern zu können.
  • In einem System, das für die Erfüllung der elterlichen Aufgaben zwei Personen vorsieht, bestreiten Alleinerziehende den überwiegenden Teil der Pflege, Erziehung und des finanziellen Unterhalts ihrer Kinder alleine. Diese Mehrfachbelastung hat Folgen: 
    • Alleinerziehende sind weit mehr als Elternpaare zwingend auf eine zuverlässige familienexterne Kinderbetreuung angewiesen. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik zeigt, dass mehr als doppelt so viele wohlhabende wie einkommensschwache Haushalte eine regelmässige familienexterne Kinderbetreuung in Anspruch nehmen. Eine Ausnahme bilden die besonders benachteiligten Einelternfamilien, welche familienexterne Kinderbetreuung im gleichen Mass beanspruchen wie wohlhabende Familien[9].
    • Alleinerziehende sind durch ihre Betreuungspflichten auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt:
      • Gut bezahlte Teilzeitstellen sind nach wie vor die Ausnahme. Viele Alleinerziehende arbeiten deshalb an Arbeitsstellen, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen.
      • Sie sind aufgrund ihrer Betreuungsverpflichtungen im Zeitangebot weniger flexibel als andere und können bei vorübergehenden Schwankungen im Arbeitsanfall nicht beliebig mehr Arbeitszeit anbieten.
      • Alleinerziehende gelten als Risikofälle auf dem Arbeitsmarkt, weil sie bei Krankheiten der Kinder und bei eigenen Ueberlastungssituationen vermehrt ausfallen können.
    • Viele Alleinerziehende haben keine zeitliche Kapazität für Weiterbildung bzw. werden zufolge ihrer teilzeitlichen Erwerbstätigkeit von Arbeitgebern nicht in die Weiterbildungsangebote einbezogen. Eine Verbesserung der Einkommenssituation ist so auch langfristig sehr schwierig.
    • Sie sind kaum in der Lage, Rückstellungen für Spezialauslagen oder Notfälle zu machen.
    • Alleinerziehende können meist nur eine ungenügende Altersvorsorge aufbauen.

Fazit: Die Behauptung, Alleinerziehende seien wirtschaftlich leistungsfähiger als Elternpaare mit gleichem Einkommen und gleicher Kinderzahl, hält einer näheren Prüfung nicht stand. Das Vorhandensein eines zweiten Elternteils in der Familie kann nicht einfach als Kostenfaktor behandelt werden. Wie oben gezeigt, führt sein Fehlen auf der Ausgabenseite kaum zu Einsparungen (die Lebenshaltungskosten sind dadurch kaum niedriger), und auf der Einkommensseite fehlt sein in unbezahlter Arbeit geleisteter Beitrag. Dies führt dazu, dass Einelternfamilien besonders von Armut betroffen sind. In aller Regel decken zudem die Alimente die direkten Kinderkosten nicht.

Im Bereich Steuern hat der Gesetzgeber denn auch die Bestimmung in das Steuerharmonisierungsgesetz des Bundes aufgenommen, Alleinerziehenden seien die gleichen steuerlichen Ermässigungen zu gewähren wie den Ehepaaren (StHG Art. 11)[10]. Dabei wird nicht unterschieden zwischen Alleinerziehenden, die alleine mit ihren Kindern leben, und Alleinerziehenden, die die Wohnung mit einer anderen Person teilen. Die Wohnung mit einer anderen erwachsenen Person oder Familie zu teilen, ist für Alleinerziehende eine Möglichkeit, sozialer Isolation zu begegnen und die Wohnkosten durch Synergieeffekte etwas zu senken. Allerdings wird der für die Wohnkosten massgebende Wohnraumbedarf, wie oben erwähnt, vor allem durch die Kinder bestimmt. Die übrigen besonderen Belastungen des Alleinerziehens können aber nicht mit einer Konkubinats- oder Wohnpartnerin oder einem Konkubinats- oder Wohnpartner geteilt werden, solange diese(r) nicht in rechtlicher Hinsicht finanziell und tatsächlich Verantwortung für die Kinder zu tragen hat.

SVAMV / FSFM - April 2006


Copyright und Kontakt:

SVAMV Schweizerischer Verband alleinerziehender Mütter und Väter
FSFM Fédération suisse des familles monoparentales / Federazione svizzera delle famiglie monoparentali
Postfach 334, 3000 Bern 6, Tel 031 351 77 71, www.svamv-fsfm.ch , info@svamv.ch
April 2006


Quellen:

[1] „Eine Aequivalenzskala misst die Aenderungen im Einkommen, die nötig sind, um Haushalte mit unterschiedlicher Zusammensetzung auf dasselbe Wohlstandsniveau zu bringen. Die Aequivalenzskala besteht aus einzelnen Aequivalenzziffern (oder Aequivalenzkoeffizienten), welche das entsprechende Verhältnis von benötigtem Einkommen im Vergleich zu einem Referenzhaushalt (im allgemeinen einem Einpersonenhaushalt) angeben. Das mittels der Aequivalenzziffer auf den Referenzhaushalt einer einzelnen Person umgerechnete Einkommen wird als Aequivalenzeinkommen bezeichnet.“ (Bauer und Streuli, Modell des Ausgleiches von Familienlasten. Eine Datengestützte Analyse für die Schweiz, im Auftrag der Eidg. Koordinationskommission für Familienfragen EKFF, 2000, S. 5)

[2] Locher, Kommentar zum Gesetz über die direkte Bundessteuer DBG, Therwil/Basel 2001, Art. 36 Nr. 10 unter Bezugnahme auf Deiss, Budgets familiaux et compensation des charges, in: Familles en Suisse, Fribourg 1991, S. 261/269ff

[3] Bauer und Streuli, Modell des Ausgleiches von Familienlasten. Eine Datengestützte Analyse für die Schweiz, im Auftrag der Eidg. Koordinationskommission für Familienfragen EKFF, 2000

[4] Bauer, Kinder, Zeit und Geld – Eine Analyse der durch Kinder bewirkten finanziellen und zeitlichen Belastung von Familien und der staatlichen Unterstützungsleistungen in der Schweiz Mitte der neunziger Jahre – Bericht zuhanden des Bundesamtes für Sozialversicherung. Büro Bass, Bern 1998

[5] Bauer und Streuli, 2000

[6] Bauer und Streuli berechneten in ihrer Studie die minimalen Kinderkosten. Dabei stellten sie auf die vor 1998 geltende SKOS-Skala ab, weil diese die Kinder differenzierter einbezieht als die spätere SKOS-Skala (S. 6). Für die Zweielternfamilie betragen die errechneten minimalen Kinderkosten für 1 Kind 580 Franken, für 2 Kinder 920 Franken und für 3 Kinder 1200 Franken.

[7] Bericht der Expertenkommission zur Ueberprüfung des schweizerischen Systems der  Familienbesteuerung, Bern 1998, S. 42

[8] Gemäss den Empfehlungen zur Bemessung von Unterhaltsbeiträgen für Kinder des Amtes für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich beträgt beispielsweise der Barbedarf eines Einzelkindes unter 7 Jahren Fr. 1255.- (Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich: Empfehlungen zur Bemessung von Unterhaltsbeiträgen für Kinder. Januar 2000). Alimente in dieser Höhe werden kaum je gesprochen.

[9] Sozialberichterstattung Schweiz. Wohlstand und Wohlbefinden. Lebensstandard und soziale Benachteiligung in der Schweiz. Bundesamt für Statistik, Neuchâtel, 2002

[10] Die Entstehungsgeschichte dieser Bestimmung zeigt ohne jeden Zweifel, dass den Alleinerziehenden nach dem Willen des Parlaments genau die gleiche Ermässigung zukommen soll (vgl. zB Steuerharmonisierung, Bericht der Expertengruppe Cagianut, S. 20). Allerdings führt heute beispielsweise die Steuerverwaltung des Kantons Bern die angeblich unterschiedliche Leistungsfähigkeit von Ein- und Zweielternfamilien als Argument gegen deren gleiche steuerliche Entlastung ins Feld. Dieses Argument wird zwar auch in der Lehre vertreten, bezeichnenderweise aber ohne nähere Begründung (vgl. etwa Markus Reich, Kommentar zum StHG, N.28 zu Art. 11). Autoren, die einen Vergleich beider Gruppen vornehmen, kommen zum Schluss, dass die Leistungsfähigkeit der Einelternfamilien nicht grösser ist als diejenige der Zweielternfamilien, wie die Ausführungen oben zeigen.

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neu erstellt am:    25. April 2006
zuletzt geändert am:    26. April 2006

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